„Ich bin dann nachts mal weg“ oder „Wie ich zum Bäckermeister wurde“

Vor vielen Jahren erwachte langsam Rosi in einem alten Marmeladeglas in meiner Küche. Wenn ich damals geahnt hätte, was dieses blubbernde Lebewesen mit mir anstellt. Ach ja, Rosi ist mein Roggensauerteig. Aber bleiben wir lieber wir am Beginn.

Die ersten Versuche waren… ausbaufähig. Es entstanden Brote in allen Farbschattierungen und mit einer Landschaft gleich dem Grand Canyon. Ab und zu konnte auch von flachen Ebenen gesprochen werden. Und glaube mir, ich wollte zu diesem Zeitpunkt kein Fladenbrot backen. Warum blieb ich nur so hartnäckig? Ich weiß es nicht. Die Brote wurden mit den Monaten besser, geschmackvoller und schöner. Immer öfter stand ich in Büchereien, Antiquariaten und auch der Lieferdienst mit A stand immer öfter vor der Tür. So vergingen Monate und Jahre. Gebäck hatte ich jetzt schon lange keines mehr gekauft.

Der Backprozess wurde immer wieder von meiner Arbeit unterbrochen, mit der ich meine „Brötchen“ verdiente. Es war eine gute Arbeit. Nette Chefs, liebe Kollegen, angenehme Patienten, genügend Freizeit… Was wünscht man(n) sich mehr. Jetzt denke ich gerne an diese Zeit zurück. Des öfteren vermisst man die Leute, mit denen so viele Stunden, Tage, ja sogar Jahre verbracht wurden. Mittlerweile ist jedoch dieses Kapitel, die Arbeit mit Patienten, für mich abgeschlossen.

Eines Tages nach einem turbulenten Arbeitstag erzählte ich meiner Familie, wie schön es wäre mein Brotbackhobby zum Beruf zu machen. Doch wer würde einen Laien einstellen? Selbst ein Geschäft ohne Ausbildung zu eröffnen ist vielleicht in Amerika möglich, nicht jedoch in unserer schönen Alpenrepublik. Kurzerhand wurde diese „Schnapsidee“ wieder verworfen und es vergingen wieder einige Monate.

In immer kürzeren Abständen verfolgte mich jetzt jedoch dieser Traum. An einem ausgelassenem Abend – ich hatte ein „Spitzerl“ (für meine deutschen Leser: Schwips, Dusel, Rausch,…) – setzte ich mich an den PC und schrieb kurzerhand eine Bewerbung an eine handwerklich arbeitende Wiener Bäckerei, die mir innovativ und interessant erschien. Mein erster Gedanke am folgenden Morgen: „Was werden sich die Bäcker dort denken? Ein Laie versucht einfach mitzumischen in der Branche.“ Gefühlt waren meine Erfolgsaussichten in diesem Augenblick Null!

Doch wider Erwarten meldete sich zwei Tage später Frau Ostermayer, die Chefin der Bäckerei Felzl und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Trotz langem Vollbart hatte ich danach die Zusage zu einer Probewoche. Die Woche war spitze und interessant. Ich war jeden Tag hundemüde, da ich die Nachtarbeit nicht gewohnt war. Ich war euphorisch und ich bekam die Stelle.

Jetzt folgte die schwierigste Aufgabe. Ich musste Bernhard, meinen bisherigen Chef, den ich sehr schätze und eher freundschaftlich verbunden bin, beruflich lebe wohl sagen. Doch es musste sein. Sicherheit weg, Komfort weg, …. Es ging nur noch vorwärts.

Ab diesem Zeitpunkt arbeitete ich zwei Monate lang tagsüber in der Ordination, nachts in der Bäckerei. Geschlafen habe ich glaube ich am Weg in der Straßenbahn. Dieses Monat war die größte Herausforderung, der ich mich jemals gestellt habe. Ich war einfach fix und foxi. So hatte mein Traum wahrlich nicht ausgesehen. Irgendwann waren diese Wochen vorbei, arbeitete nur mehr nachts und konnte vormittags schlafen. Welch ein Luxus. Das Leben hatte mich wieder. Ab jetzt konnte ich wirklich meine Handfertigkeiten in der Backstube üben und ich kniete mich ordentlich rein.

Nach etlichen Wochen fasste ich den Entschluss auf die Lehrabschlussprüfung zu verzichten und gleich die Meisterprüfung zu versuchen. (Bescheidenheit ist wohl nicht eine meiner Tugenden.) Ich meldete mich zum Meisterkurs an. Nun gab es abends nur mehr selten Fernsehen und Couch, sondern Kurs und Fachbücher. Die heimische Küche verwandelte sich immer mehr in eine kleine Backstube und gelegentlich war alles voller Mehl ;-).

Meine Bedenken, dass ich mit den erfahrenen Gesellen im Kurs nicht mithalten kann wich langsam vorsichtigem Optimismus. Hin und wieder musste ich mit kleinen Dämpfern zurechtkommen, aber im Großen und Ganzen lief es gut. Viele Menschen in meinem Umfeld fassten mein Vorhaben gut auf oder unterstützten mich sogar, manche jedoch konnten aber ihr Missfallen nicht verheimlichen. Mit kleinen Anfeindungen im konservativen Lager der Branche musste ich wohl rechnen.

Die letzte Zeit arbeitete ich nachts, tagsüber schlief ich oder arbeitete an den Rezepten für meine Prüfung. Ich war am richtigen Weg. In der Felzl-Backstube nützte ich viele Nachmittage um mein Programm durchzubacken. Familie, Freunde und Nachbarn wurden zu Verkostern befördert.

Endlich kam die Prüfungszeit. Eine Woche stand ich nun jeden Tag in aller Herrgottsfrüh bis spätabends in der Innungsbackstube. Unsere Betreuer (Christoph und Josef) gaben Tipps und ich versuchte sie umzusetzen. Der letzte Tipp war: „Es passt! Bitte verändere nichts mehr!“ (Jemand der mich kennt weiß wie schwierig mir das fällt.)

Und es hat gepasst. Ich war zufrieden mit meinen Produkten und zum Glück waren es auch die Prüfer! meistertisch

Es ist möglich als Quereinsteiger als Bäcker zu punkten. Ich hoffe, dass viele Backverrückte diese Möglichkeit überdenken und wir uns vielleicht bald als Kollegen treffen. Arbeitet an eurem Traumberuf und bleibt nicht hängen, wenn der Job nicht mehr 100%ig zu euch passt. Die Zeiten ändern sich…

Die letzte Zeit war intensiv und entbehrungsreich. Ich danke an dieser Stelle meiner Familie, dass sie mich unterstützt hat. Danke an Anastasia und Elias, die oft auf Zeit mit Papa verzichten mussten.

An großer Dank gilt der Bäckerei Felzl, die auf mich als Quereinsteiger gesetzt hat!

                    Euer Christoph

15 Gedanken zu “„Ich bin dann nachts mal weg“ oder „Wie ich zum Bäckermeister wurde“

  1. Du hast fuer das was du liebst gekämpft und es geschafft! Ich liebe deine Brote und was ich an dir am meisten mag, du bist auf dem Boden geblieben. Du antwortest, wenn man Fragen hat und bleibst nie stehen,! Danke, Spasibo u. Immer weiter so!

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